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Kampf dem „toten Winkel“: Bremsen Lkw bald von selbst?

Kampf dem "toten Winkel": Bremsen Lkw bald von selbst?

Ronny Schilder, Freie Presse - Herausgeber: Medien Union GmbH Ludwigshaven


Moderne Assistenzsysteme gegen den "toten Winkel" im Führerhaus von Lastwagen wurden beim Sächsischen Verkehrssicherheitstag präsentiert. Fachpolitiker fordern längst eine Nachrüstpflicht.
Für Sie berichtet

Die Kamera und ein Monitor machen sichtbar, was Dietmar Zänker als Lkw-Fahrer sonst unmöglich sehen kann: den sogenannten "toten Winkel". Zänker ist Bereichsleiter einer Berufsschule. Beim Verkehrssicherheitstag am Sachsenring führte er gestern den Abbiegeassistenten vor.

Oberlungwitz - Vier Spiegel an der Führerkabine des Lastzugs, und doch verschwindet der Radfahrer im "toten Winkel". Der Fahrer könne nicht überall gleichzeitig hinsehen, sagt Dietmar Zänker, der den Lastwagen mit Anhänger über die Start- und Zielgerade des Sachsenrings steuert - dort, wo sonst Rennen entschieden werden. Beim 20. Sächsischen Verkehrssicherheitstag demonstriert er, wie moderne Technik dem Lkw-Fahrer hilft, einen Abbiege-Unfall zu verhindern: Fahrrad vorn, zweites Fahrrad rechts im "toten Winkel", Zänker weicht aus, bremst, steht, nichts passiert. Dank einer Kamera und eines Monitors, die das Blindfeld sichtbar machen.

Bei Zänkers Demonstration saß der sächsische Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) neben ihm. Seit Jahren fordern die Länderverkehrsminister, Assistenzsysteme gegen den "toten Winkel" für Lastwagen gesetzlich vorzuschreiben. Eine Bundesratsinitiative vor zwei Jahren verlief im Sand. Im Juni hat sich die Länderkammer erneut für eine Pflicht zum Einbau von Abbiege- und Notbremsassistenten ausgesprochen. Dulig sagte gestern der "Freien Presse", dieses Mal erwarte er, dass es gelingt.
Mehr Sicherheit beim Abbiegen wäre dringend geboten. Die Unfallforscher der Versicherungen (UDV) registrieren jährlich mehr als 3000 Kollisionen zwischen Lkw und Radfahrern. Etwa ein Drittel der im Verkehr getöteten Radfahrer (rund 70) kommen bei Abbiegeunfällen ums Leben. Zwei Drittel der Radfahrer, die 2015 mit rechts abbiegenden, schweren Lkws kollidierten, waren Frauen, 40 Prozent Senioren über 65 Jahre. In einer UDV-Studie heißt es, die Radfahrer waren meist mit einer Geschwindigkeit unterwegs, mit der sie bei frühzeitiger Reaktion noch hätten stoppen können.
Jürgen Bönninger hält es freilich schon für verfehlt, dass die Straßenverkehrsordnung es Radfahrern an Kreuzungen erlaubt, bei roter Ampel neben einem Lkw bis in den "toten Winkel" vorzufahren. Bönninger ist Geschäftsführer der Dresdner FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH, die als Zentrale Stelle nach dem Straßenverkehrsgesetz im gesetzlichen Auftrag Vorgaben und Prüfverfahren für die Hauptuntersuchung entwickelt. Wirtschaftsminister Dulig sagte der "Freien Presse", die Politik hätte lange auf eine freiwillige Lösung seitens der Güterverkehrswirtschaft gesetzt. "Wir wissen, der Lkw-Verkehr nimmt zu, der Radverkehr nimmt zu. Und es gibt technische Lösungen für das Problem."
In der Fahrerkabine von Dietmar Zänker, der als Bereichsleiter im Berufsbildungszentrum Nordhausen Kraftfahrer ausbildet, bündelt ein Monitor auf der Beifahrerseite alle Informationen aus dem Lkw-typischen "Spiegelkabinett": Auch Objekte, die von den vier Außenspiegeln nicht erfasst werden, weil sie etwa im Sichtschatten der Kabinensäule stehen, sind am Monitor zu sehen. Das kameragestützte System (es gibt auch Radartechnik) habe etwa 1500 Euro gekostet, sagt Zänker. Jens Grohmann von der FSD geht davon aus, dass solche Assistenten bei massenhaftem Einbau erheblich billiger zu haben wären.
Bis allerdings eine kommende gesetzliche Verpflichtung greife, gehen mindestens zehn Jahre ins Land, glaubt Grohmann. "Notbremsassistenten sind ohnehin nur für Neufahrzeuge denkbar. Kein nachgerüstetes Assistenzsystem greift in die Bremsanlage ein. Abbiegeassistenten vorzuschreiben, das wäre Sache der EU, und das dauert. Außerdem wird es Übergangsfristen geben."
Eine Schrittmacherrolle könnten die Berufsgenossenschaften spielen, sagt der FSD-Experte. "Die BG Köln hat sich bei uns ein Testsystem für die Kölner Müllfahrzeuge und Straßenkehrmaschinen geordert." Mercedes Benz lieferte nach Presseberichten 2017 jeden vierten Lkw in Deutschland mit Abbiegeassistenten aus. Für die Flotte der Lebensmittelkette EdekaSüdbayern wurde laut "Spiegel Online" eigens ein System entwickelt. Die Unfallforscher der Versicherer werten Kamera-Monitor-Systeme wie Zänkers als Übergangslösung bis zur Serienreife von bremsfähigen Abbiegeassistenten, berichtete im Juni die "Welt".
Martin Dulig glaubt, dass eine Gruppe ganz besonderes Interesse an den Assistenten habe - die Lkw-Fahrer. "Dass ein Kind neben dem Laster steht, und man sieht es nicht, das ist zutiefst erschreckend!"